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DIE POSITIVE BESCHWERDE

Wenn immer möglich beschäftigen wir in unserem Team Eltern der Bayasgalant-Kinder, was dem Vorstand ein grosses Anliegen ist. Dabei kommt es vor, dass unsere mongolischen Teammitglieder vor unerwartete Herausforderungen gestellt werden, da es den Eltern manchmal unmöglich ist, den Druck und die oftmals grosse familiäre Belastung zu Hause zu lassen und am Arbeitsplatz professionell und fokussiert zu arbeiten. Dies kann zu Unstimmigkeiten und Frustration unter den Teammitgliedern führen, manchmal so sehr, dass es zu einer Beschwerde bei unserer Projektleiterin Zaya kommt. Dass der Zusammenhalt unseres Teams jedoch selbst in solch schwierigen Situationen stark ist, beschreibt die folgende Geschichte. 

Erzählt von Zaya Okinooo, aufgeschrieben von Martina Zürcher 

 

„Nicht schon wieder“, dachte sich Zaya, als die Bayasgalant-Chefköchin Dogi sich bei ihr über Erka beschwerte. Diesmal äusserte sich die sonst eher zurückhaltende Dogi deutlich. Sie könne mit Erka so nicht mehr weiter zusammenarbeiten. Dogis Augen, die wenn sie lacht, vor lauter Gesicht fast verschwinden, waren diesmal gross, der Blick klar und Zaya merkte, hier steckte mehr dahinter. Als sie Erka wenig später zu einem klärenden Gespräch bat brauchte es nicht viele Worte, um auch bei ihr zu erkennen, dass viel mehr als die Zusammenarbeit in der Küche im Argen lag.

 

Am Ende ihrer Kräfte

Erka, Mutter von sechs Kindern, arbeitete seit Februar 2018 im Küchenteam der Bayasgalant Tagesstätte. Sie erledigte den Abwasch, putzte und rüstete Gemüse. Fünf ihrer Kinder sind täglich auf der Tagesstätte. Davaa, die Älteste, ist im letzten Collage Jahr zur Ausbildung als Lebensmitteltechnologin. Sie ist 18, ihr jüngerer Bruder ist 12. Dann kommt Lagwaa, sie ist neun und begleitet regelmässig ihre drei jüngeren Brüder in den Bayasgalant Kindergarten. Diese sind sechs, fünf und vier Jahre alt. 

Kurz nach der Geburt des Jüngsten starb der Vater der Kinder und Erka musste sich von nun an alleine um die Rasselbande kümmern. Sechs heranwachsende Kinder sind bereits eine Herausforderung. Dazu kamen die Trauer und die Last, plötzlich alleine genügend Geld verdienen zu müssen, um die Familie über die Runden zu bringen, noch dazu in einem Land, in dem vom Staat keine zuverlässige Sozialhilfe bezahlt wird: eine extrem schwierige Aufgabe für eine 40-jährige Frau ohne Ausbildung. 

Damals kamen die Kinder bereits zur Tagesstätte und unsere Sozialarbeiterinnen setzten sich dafür ein, dass Erka in der Küche eine Anstellung erhielt. Zeitgleich wie sie vor einem Jahr die Arbeitsstelle in der Küche antrat, zog die Mutter mit ihren sechs Kindern auf das Bayasgalant Notfall-Grundstück, um vorübergehend die Miete zu sparen. Für sie waren diese Schritte eine enorme Entlastung zumal sie nun da Geld verdienen konnte, wo sich tagsüber auch ihre Kinder aufhielten. Für eine kurze Zeit entspannte sich die Lage, dann wurde bei Erkas Mutter Krebs diagnostiziert. Als die Grossmutter vor ein paar Monaten ihre von Falten umrundeten Augen für immer schloss, brach die emotionale und psychische Überforderung wie ein Tsunami über Erka zusammen. 

 

Krisenintervention

Erkas Tränen flossen, wie sie bei Zaya im Büro sass und diese langsam verstand, warum Erka ihre Arbeit nicht mehr zur Zufriedenheit ihres Teams erledigen konnte. Sie hatte in den letzten Monaten nach der Arbeit die sterbende Mutter zu Hause gepflegt und ihre Gedanken verständlicherweise auch bei der Arbeit nicht von den Sorgen, die Zuhause auf sie warteten, lösen können. Sterbehospize gibt es in der Mongolei nicht und so ist es Aufgabe der Familie, diese schwierige Begleitung zu übernehmen. Selbstverständlich ohne jegliche professionelle Unterstützung. Gantuul, die Psychologin von Bayasgalant, die beim Gespräch ebenfalls anwesend war, entwarf gemeinsam mit Zaya einen Kriseninterventionsplan, denn Erka konnte in ihrem Zustand unmöglich nach Hause geschickt werden. Noch am selben Tag organisierten die beiden einen 10-tägigen Spitalaufenthalt für die Mutter. Dieser ist mit einer Art Kur-Aufenthalt vergleichbar und gehört zum mongolischen Gesundheitssystem.

Was genau in den zehn Tagen alles gemacht wird, ist uns als Schweizern auch nach all den Jahren ein kleines Rätsel, aber Fakt ist: In jeglichen Situationen gibt es einen 10-tägigen Spital Aufenthalt verschrieben. Zehn Tage Erholung, Massage, Schröpfen, Untersuchungen und Vitamin-Kuren, weg von der Arbeit, den Kindern und der unmittelbaren Konfrontation mit der Trauer schienen für Erka in dem fragilen Zustand genau das Richtige zu sein. Erka liess die beiden Bayasgalant-Frauen entscheiden, in ihrer Erschöpfung froh, dass für einmal jemand anders die Verantwortung für sie und ihre Kinder übernahm. 

Anpacken nach Feierabend

Das Küchenteam gab den Kindern von nun an Abendessen mit nach Hause und als nach zwei Tagen eine unserer Angestellten das Essen selbst vorbeibrachte, um zu schauen wie die Kinder zurechtkommen, wurde ein weiteres Mal sofort gehandelt. Die Jurte war in einem so verwahrlosten Zustand, dass nach Feierabend alle mit anpackten. Mit an vorderster Front Dogi, die Chefköchin, die sich über Erka beschwert und so den Ball ins Rollen gebracht hatte. Dogi war selbst einst von Armut betroffen und konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sich Erka fühlen musste. Einige fleissige Hände putzten, andere besorgten bei ihren Verwandten ein paar alte Möbel und Projektleiterin Zaya rief bei ihrer Schwester an: „Du hast doch da so einen grossen Teppich, den du nicht mehr wolltest, kann ich ihn abholen?“ Ein altes Sofa sei dann auch gleich noch im Auto gelandet. Erkas Kinder hätten alle auf dem eisig kalten Boden geschlafen, das konnten Zaya und das Bayasgalant-Team nicht mit ansehen. Die Jurte erhielt ein Make-Over und die Kinder mehr Decken, um in der Nacht nicht zu frieren. Zusätzlich wurde für die 18-jährigen Davaa in einer Schokoladenfabrik ein Praktikum organisiert., wo sie nun zwei Stunden pro Tag arbeitet. Mit dem Abwaschen von Gussformen für die Schokolade und dem Kleben von Pralinen-Verpackungen verdient sie für die Familie etwas mit und hat, sofern sie ihre Arbeit weiterhin gut macht, nach dem Studium die Chance auf eine Festanstellung. 

Und Erka? Nach dem Aufenthalt im Spital wurde ihr eine Ausbildungsstelle im mittlerweile neu eröffneten Nähatelier angeboten. Und siehe da: Sie und auch ihre neue Chefin sind mehr als zufrieden. „Sie ist die beste unter meinen Lehrlingen“ sagt Gerelsuren, während sich Erka schüchtern hinter der Nähmaschine versteckt. 

Gut also, hatte sich Dogi vor ein paar Monaten über Erka beschwert – so kam der Griff unter die Arme gerade noch zur rechten Zeit. Denn von selbst hätte die sechsfache Mutter wohl kaum um Hilfe gebeten. 

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