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Tsagan Saar - das grosse Fest

Immer zum zweiten Neumond des Jahres, rund einen Monat nach dem chinesischen Neujahr, wird in der Mongolei das Neujahrsfest Tsagan Saar gefeiert. Am 23. Februar 2020 beginnt in der Mongolei das Jahr der stählernen Ratte. Gefeiert wird dies normalerweise nicht nur zu Hause, sondern auch auf der Tagesstätte. 

Text: Martina Zürcher Bilder: Christine Jäggi

Im neuen Deel auf dem gefrorenen See: Projektleiterin Zaya
Im neuen Deel auf dem gefrorenen See: Projektleiterin Zaya
Wo führt das neue Jahr der Ratte hin?
Wo führt das neue Jahr der Ratte hin?

 

Im Februar steigen die Temperaturen in der Mongolei nicht über die Nullgradgrenze, was den Familien, die sich bereits Wochen zuvor auf Tsagan Saar, dass Fest des Weissen (Tsagan) Mondes (Saar), vorbereiten, nur Recht kommt. So wird nämlich jeder Balkon und jede Vorratskammer automatisch zum Eisschrank, der genügend Platz bietet Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Bootz, mongolische Teigtaschen, in gefrorenem Zustand aufzubewahren. 

Auch werden für das wichtigste Fest des Jahres, weit im Voraus schöne Stoffe ausgesucht, um daraus neue Deels (traditionelle Gewänder) zu nähen. Oder nähen zu lassen: Die Nähmaschinen im Bayasgalant Nähatelier brummen und rattern derzeit auf Hochtouren. Girlee, die vor Jahren selbst ein „Bayasgalant-Kind“ war und heute das Atelier leitet, hat so viele Aufträge, dass sie vorübergehend zwei weitere Näherinnen anstellen konnte. Ihr Auftragsbuch ist voll, denn zum neuen Jahr muss ein neues Kleidungsstück her. Dieser kollektive Wunsch auf ein neues Gewand ist nicht schlaues Marketing der Modegeschäfte in Ulaanbaatar, sondern eine alte Tradition. 

 

Tsagan Saar dauert drei Tage und beginnt dieses  Jahr am 23. Februar. Bis zum Vorabend, genannt Bituum - letzter Tag des Jahres - wird aufgeräumt, geputzt und alles noch angefangen erledigt. Es ist die Zeit, in welcher Schulden zurückbezahlt und Streitigkeiten beigelegt werden. Denn im neuen Jahr, so die Tradition in der Mongolei, soll alles neu sein! Nicht per Zufall beginnt das Jahr hier zum Neumond, in einer Phase also, wo auch der Mond aus Sicht der Menschen sich „erneuert“. Daher kommt sehr wahrscheinlich auch die Tradition, dass zu Tsagan Saar alle in neuen Gewändern erscheinen müssen. Dabei machen die Festlichkeiten auch vor den ärmsten Familien nicht halt: Wir haben immer wieder erlebt, dass im Januar wegen all den Besorgungen und den zahlreichen Familienbesuchen, die es zum Fest zu erledigen gibt, die Menschen weit mehr ausgeben, als dass es für ihr Jahresbudget gesund wäre. 

 

Am ersten Tag von Tsagan Saar wird auf dem Land das neue Jahr und das Ende des Winters mit dem Sonnenaufgang begrüsst, oft in Begleitung eines Lamas (Buddhistischer Mönch), der durch Mantras das neue Jahr voller guter Energie startet und hoffentlich durch seine Gebete soviel Unheil wie möglich von der Familie abhält. Nachdem man sich in alle Himmelsrichtungen verneigt hat, werden vier Schöpfkellen Milch ebenfalls nach Nord, Süd, Ost und West dem Himmel und seinen Göttern geopfert.

Während dieses Ritual vor allem noch auf dem Land praktiziert wird, gehören die Familienbesuche auch in Ulaanbaatar unbedingt zu jedem Tsagan Saar Fest dazu. Zuerst werden die ältesten der Familie besucht und von den Jüngeren beschenkt. Ganz wichtig ist dabei „Tsolgot“, die erste Begrüssung, die man sich im neuen Jahr gegenseitig schenkt. Die Jüngeren gehen zu den Älteren hin, dabei halten die Jüngeren als Zeichen des Respektes die Ellbogen der älteren Person von unten fest, während diese wiederum den Kopf der jüngeren Person in ihren Händen hält und die Nase einmal links und einmal rechts an die Wange der jüngeren Person drückt. Diese formale Begrüssung gehört zu jedem Tsagan Saar. Genauso wie auch das Essen von Bootz, den gedämpften Teigtaschen.

„Bei jeder Familie, die du besuchst musst du mindestens drei oder vier Stück essen. Es wäre eine grosse Beleidigung, wenn du es nicht tust!“, erklärt Projektleiterin Zaya, die selbst jedes Jahr den Balkon voller eingefrorener Bootz hat. Denn während den Feiertagen sollten alle so viel essen wie sie nur können. Dies garantiert nicht nur ein Völlegefühl, sondern, so der Glaube,  ein Jahr voller Glück und Freude. 

 

Die Farbe weiss gilt in der Mongolei als Farbe der Reinheit und ist bestimmt auch daher im Namen des Feiertages enthalten. Aber sehr wahrscheinlich lässt sich die Bezeichnung auch auf die vielen weissen Speisen (also Milchspeichen) zurückführen, die an diesem Fest so wichtig sind. Ja, das Essen wird sogar als Dekoration verwendet. In der Tischmitte werden bei jeder Familie Lagen aus Ul Boov (Neujahresbroten) aufgebaut. In den Teig der flachen Gebäckstücke sind hübsche Mandalas gestempelt und die zum Turm aufgebauten Brote werden mit weissen Speisen, zum Beispiel Arul (mongolischer Käse), Butter und Zuckerstücken gefüllt. Wichtig ist auch, dass die Gebäcke immer in ungerader Zahl aufgeschichtet werden, denn auch dies bringt Glück. Nicht fehlen darf der vom Fett weiss gefärbte Fettschwanz des besten Schafes und ein paar Schüsseln voller Airag - gegorene Stutenmilch, die sonst vor allem im Sommer frisch hergestellt und getrunken wird. 

 

Die Bayasgalant Tagesstätte ist an den ersten beiden Tsagan Saar Tagen immer zu, weil dann alle Kinder und Angestellten mit ihren Familien feiern und Verwandte überall im Land besuchen. Am dritten Tag werde jeweils auf der Tagesstätte gemeinsam gefeiert. Es gibt natürlich Bootz und  "alle Kinder kommen und begrüssen uns Ältere auf die traditionelle Art und Weise.“ „Alle 175 Kinder?“, fragen wir ungläubig nach und Zaya bestätigt lachend. „Jaaa! Wirklich alle! Es dauert den ganzen Tag, aber es ist auch eine sehr schöne Tradition, die uns immer wieder aufs Neue zu einer grossen Familie verbindet.“

 

Da viele Mongolen während der Zeit von Tsagan Saar quer durchs Land reisen, hat die Regierung dieses Jahr aus Angst vor dem Coronavirus vorsorglich empfohlen, die Besuche bei den älteren Familienmitgliedern möglichst zu unterlassen. Dies da vor allem ältere Menschen einem höheren Krankheitsrisiko ausgesetzt sind,  obwohl in der Mongolei bislang zum Glück noch kein Fall von Corona festgestellt werden konnte. Auch alle Tagesstätten, Kindergärten und Schulen sind vorsorglich während des gesamten Februars zu und so wird dieses Jahr auch bei Bayasgalant keine Feierlichkeiten stattfinden. Aber wir sind sicher, dass die Kinder, wenn dann ab dem 2. März ihr Lärm wieder das Bayasgalant-Haus füllt, die traditionelle Begrüssung nachholen werden. Zayas Gesicht überzieht sich beim Gedanken daran mit einem Lächeln: „Ja, das glaube ich auch. So eine Tradition wird nicht einfach vergessen. Das geht auch später noch.“ 

 

 

Wer einen noch tieferen Einblick ins Tsagan Saar Fest erhalten möchte, wird im Video von ArtGer mit auf einen Familienbesuch genommen und lernt, dass auch Schnupftabak und Mützen zur Feier dazu gehören. Unterhaltsame 13 Minuten, die sich lohnen. 

Wer Lust hat die Bootz, die mongolische Art der Dumplings oder Teigtaschen, die nur gedämpft werden, selbst auszuprobieren findet ein Rezept hier. 

Und hier gibt es eine Videoanleitung dazu, wie die Teigtaschen schön gefaltet werden. 


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