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EINE NATION IM RAUSCH

„Nur wenn wir sagen, wir nehmen traditionelle Kräutermedizin, wird akzeptiert, dass wir keinen Alkohol trinken.“ So fassen die Mitarbeiterinnen der Tagesstätte die Akzeptanz von Alkohol (damit ist meistens Wodka gemeint) und die schiere Unmöglichkeit von Abstinenz in der Mongolei zusammen. Beruflich sind sie immer wieder mit den Abgründen des gesellschaftlich breit akzeptierten Rauschmittels konfrontiert. Rund 37.5% der von Bayasgalant betreuten Kinder haben mindestens einen Elternteil, der dem Alkohol verfallen ist.  

Text & Bild: Martina Zürcher

„Alkoholismus frisst sich stillschweigend durch die Nation“ so schrieb die UB Post (English sprachige Zeitung in der Mongolei) am 20. Juni 2019. Wer die Mongolei kennt, kann diese Zeilen fast sicher mit einer Erinnerung verknüpfen. Ein gemütlicher Abend draussen in der Steppe, dazu ein, zwei, drei, .... Gläschen auf den schönen Tag, ein Besuch der Karaoke Bar mit mongolischen Freunden endet fast so sicher mit einem Rausch, wie dass falsch gesungen wird. Und wer ein paar Wochen oder Monate in Ulaanbaatar lebt, gewöhnt sich daran, Betrunkene im Bus oder beim Einkaufen zu sehen, auf der Strasse angerempelt zu werden oder zu beobachten, dass Menschen am Strassenrand liegend ihren Rausch ausschlafen. Was man ebenfalls schnell lernt: Man geht erst wenn die angebrochene Wodkaflasche leer ist. Und dass es schwierig ist, nein zu Alkohol zu sagen. „Sich mit Bekannten oder Freunden zu treffen, gibt immer auch einen Druck in die Seele, weil du sie sehen willst, aber genau weißt, dass dann von dir erwartet wird, zu trinken,“ erzählen unserer Angestellten, die jede Woche im Umgang mit den Eltern der Bayasgalant Kinder mit der Sucht konfrontiert werden. 

 

 12 Liter Wodka pro Jahr und Person

Auch wenn ein paar Mal einen über den Durst zu trinken noch keine Sucht ist, so rütteln die Zahlen im Artikel der UB Post, von der Polizei und dem mongolischen Amt für Statistik veröffentlicht, doch auf: Durchschnittlich trinkt ein erwachsener Mongole pro Jahr 52.5 Liter alkoholische Getränke. Die Zahl wird herunter gebrochen auf einen Liter Wodka, 6 Dosen Bier und ein Glas Wein pro Monat. 

Andere Statistiken (von ourworldindata.com) sehen ähnlich aus: In 70% der Fälle wird beim Genuss von Alkohol zum Spiritus, also zu Hochprozentigem, gegriffen. Und 59% der Menschen, die Alkohol trinken, gaben zum Zeitpunkt der Befragung an, sie seien in den letzten 30 Tagen mindestens einmal so richtig heftig betrunken gewesen. Rund 3.5 % der rund 3 Millionen Mongolen*innen waren 2017 alkoholabhängig.  Wie hoch die Dunkelziffer ist, bleibt offen. (Ältere Zahlen gehen davon aus, dass 2009 25% der Bevölkerung alkoholabhängig waren.) Von 100'000 Todesfällen endeten 2016 über 1000 Leben an den Folgeerkrankungen von Alkohol. Dazu zählt die Weltgesundheitsorganisation Leberzirrhose, Leberkrebs und Autounfälle. Rund 300 Menschen sterben pro Jahr an einer Alkoholvergiftung. 

 

Abschied vom Leben 

Vor drei Wochen erhielt diese letzte Statistik für uns ein Gesicht. Der Vater eines 14-jährigen Mädchens trank sich tragischerweise in den Tod und liess seine Tochter als Waisenkind zurück. Die Mutter hat sie bereits als Kleinkind verstossen. Die Grossmutter starb letzten Herbst. 

Bayarzezeg lebt nun während der ersten drei Monate bei entfernten Verwandten, die besser situiert sind und dem Mädchen ein neues Zuhause bieten. Zumindest vorerst. Danach entscheidet das Amt, ob sie das Pflegerecht für das Mädchen auch weiterhin erhalten, oder ob Bayarzezeg nun doch in ein Kinderheim muss. 

Vor diesem Entscheid standen die Behörden schon vor einem halben Jahr. Als die Grossmutter starb, wurde Bayarzezeg von der Kinderschutzbehörde automatisch in ein Übergangsheim eingewiesen, da man ihren alkoholabhängigen Vater als ungeeignete Pflegeperson erachtete.  Unsere Sozialarbeiterinnen besuchten Bayarzezeg jede Woche und erlebten ein Mädchen, welches sich mit Händen und Füssen dagegen wehrte, künftig in einem Kinderheim zu leben. Sie machte klar, dass sie lieber mit ihrem alkoholabhängigen Vater, den sie über alles liebt, leben wollte, als im Kinderheim. Unser Team setzte sich für Tochter und Vater ein. Und so zogen sie schliesslich auf die Bayasgalant-Notfallhasha, wo Hilfe jederzeit nahe ist. Beide kamen, wie mit den Behörden vereinbart, regelmässig zu psychologischen Beratungsgesprächen und wir übernahmen als Organisation einen Teil des Pflegerechts, denn einen grossen Teil ihrer Zeit verbrachte Bayarzezeg bei uns auf der Tagesstätte. 

„Der Vater gab sich wirklich Mühe und wir dachten, dass es einen Hoffnungsschimmer gibt, dass er die Sucht hinter sich lässt. Er hatte einen Job und es ging eine Weile gut,“ erzählt Tumee die Sozialarbeiterin, die schliesslich mit Bayarzezeg am Spitalbett des Vaters stand, bis es keine Hoffnung mehr gab.

„Wir wissen nicht, was passiert ist und warum es in den letzten drei Tagen seines Lebens zu einem so absoluten Tiefpunkt kam,“ fasst sie das immer noch schwierig zu verstehende Schicksal von Bayarzezeg und ihrem Vater zusammen. 

 

Wodka als Lohn; Wodka für die Götter

In einer Gesellschaft in der ein Nein zu Alkohol kaum akzeptiert wird, in der Löhne mit Wodka anstatt Geld bezahlt werden, wie uns Frauen erzählt haben, und den Göttern auch in buddhistischen Klöstern mit Tassen voll durchsichtigen Wässerchen die Ehre erwiesen wird, scheint es schier unmöglich zu sein, vom Alkohol wegzukommen. Öfters schon haben wir bei alkoholabhängigen Elternteilen die Achterbahn der Sucht miterlebt und waren uns durchaus bewusst, auf was wir uns einliessen. Und doch war rückblickend das Prinzip Hoffnung im Fall von Bayarzezeg und ihrem Vater die richtige Entscheidung unseres Teams. Zumindest konnten Tochter und Vater so das letzte halbe Jahr noch gemeinsam erleben und die Tochter sich von ihm verabschieden. 

 

 

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